Stille Helden der Sektion Regensburg: Albert Pleyer

Montag, 18. Mai 2020 Drucken E-Mail

Im Laufe der 150 Jahre haben unzählige Ehrenamtliche die Sektion gestaltet, mit Leben gefüllt ... 

und auch still im Hintergrund die Rädchen gedreht. Und das mit teils erheblichem persönlichem Einsatz, heute wie früher. Zum Beispiel Albert Pleyer, der seit fast 80 Jahren Mitglied im Deutschen Alpenverein ist, und heuer seinen 97. Geburtstag feiert. Der Goldschmied vom Neupfarrplatz war von 1963 bis 1983 zweiter Schatzmeister. Und leidenschaftlicher Skifahrer und Bergsteiger. Warum eigentlich? Was bedeutete Bergsport damals? Wie war das Vereinsleben vor, während und nach den Kriegsjahren? Wir haben uns mit ihm unterhalten.

Albert Pleyer mit Gisela Zundel im Herbst 2010.Gisela Zundel überreicht Albert Pleyer die Urkunde zur 70-jährigen Vereinsmitgliedschaft.Albert Pleyer wird sich heute Mittag eine Leberknödelsuppe machen, „mit fertigen Knödeln“, wie er fast entschuldigend erklärt. Albert Pleyer ist 96 Jahre alt und für dieses Alter beinahe fit wie ein Turnschuh, oder besser Bergschuh. Er kocht und versorgt sich weitgehend selbst. Seine Tochter wohnt eine Etage höher und unterstützt ihn. Sein Geheimnis: „Net z’g’sund leb’n!“, verrät er mit einem Augenzwinkern, und viel frische Luft. Wenn er von den Bergen, den gemeinsamen Ski- und Bergtouren mit Freunden, vom DAV spricht, wird noch eines klar: die schönen Erinnerungen, die lang haltenden Freundschaften und sozialen Kontakte halten ihn jung. Und er hat einiges zu erzählen, von einfachen und spannenden Zeiten, von Aufbruchstimmung und großen Plänen. 

„1949 bin ich mit meinem Vater auf die Watzmann-Ostwand“, erklärt er, und Stolz schwingt in seiner Stimme mit. „Ich war damals 26 Jahre alt.“ Zwei Jahre zuvor war er auch dabei, zusammen mit seinem Vater, als 30 oder 35 Leute im Kneitinger am Arnulfsplatz zusammenkamen und den Alpenclub Regensburg gründeten. Der DAV wurde von den Alliierten 1945 aufgelöst, für die Mitgliedschaft im Alpenclub verlangten die Alliierten, dass je zwei Bürgen bezeugten, dass das neue Mitglied „unbelastet“ war, höchstens Mitläufer war. „Diese zwei Bürgen hat man übrigens noch bis 1975 oder 1980 gebraucht“, so Albert Pleyer. Er hat Hanisch, Brandstetter, Nerad, Seibold und natürlich die weiteren Vorsitzenden, die die Sektion so geprägt haben, alle persönlich gekannt.

Sommer wie Winter – die Liebe zur Natur

Auf der Silvretta. Auf der Silvretta.„Die Natur und das Sportliche“, betont er. „Vor allem aber die Natur hat mich in die Berge gezogen.“ Die Naturverbundenheit habe er von Vater und Mutter geerbt, beide waren gute Skifahrer. Als Kind war er mit seinen Eltern und Geschwistern im Bayerwald, auch in Falkenstein und Brennberg, beim Skifahren. Damals gab es viel mehr Schnee als heute, vor allem heuer: „Das hab ich noch nicht erlebt, dass es einen Winter ganz ohne Schnee gibt.“ Von Schneekanonen halte er übrigens nicht viel, „aber was will man machen?“ Lifte gab es damals nicht, als Kinder und auch später als junge Erwachsene seien sie alles zu Fuß gegangen und mit dem Zug gefahren. Zu anstrengend sei ihnen das nicht gewesen. 

Immer in der zweiten Februarhälfte war Albert Pleyer mit ein paar Freunden 14 Tage beim Skifahren. Skifahren bedeutet für ihn Skitouren gehen, vor und nach dem Krieg noch mit echten Tierfellen, die man mit Wachs aufgeklebt hat. „Da sind wir auf die Franz-Senn-Hütte, auf die Heidelberger oder auf die Martin-Busch-Hütte gegangen.“ Lawinen? Da hätten sie sich kaum Sorgen gemacht. „Einmal zur Martin-Busch-Hütte hinauf sind wir in einen steilen Hang gestiegen, da habe ich mir kurz einmal gedacht, da könnt jetzt eine kommen“, lacht er. „Wir haben die Gefahr schon eingeschätzt, auch wenn der Wetterbericht noch nicht so aktuell war, vor allem haben wir uns auf die Hüttenwirte verlassen.“

Auch im Sommer waren die Freunde immer 14 Tage beim Bergsteigen, unter anderem auf die Regensburger Hütte in den Dolomiten, die nach dem 1. Weltkrieg enteignet wurde und heute dem Land Südtirol gehört, die Neue Regensburger Hütte im Stubaital und nach Brixen im Thale. „Das Haus in Brixen haben wir 1971 gekauft“, erinnert sich Albert Pleyer. 10.000 DM lagen damals in der Vereinskasse. Das hat für den Kauf des Berg- und Skiheims nicht gereicht. Der Vorstand hat deshalb für den Kredit mit dem Privatvermögen gebürgt, auch Albert Pleyer. 

Dass die Sektion wieder eine Hütte in einem Skigebiet haben sollte, da waren sich nach dem Verlust der geliebten Firstalm alle einig. Die Hütte im Spitzingseegebiet hatte die Sektion seit den 30er Jahren oder sogar länger gepachtet, so genau weiß Albert Pleyer das nicht, zuletzt für 350 Mark im Jahr. Als die Hütte an den Sohn übergeben wurde, verlangte der eine so hohe Pacht, dass die Sektion Regensburg sie sich nicht mehr leisten konnte. Da kam Brixen gerade recht. „Der Kontakt für den Kauf des Brixener Hauses kam über den Sohn des Hüttenwirtes der Regensburger Hütte zustande, Richard Knoflach“, erinnert sich Albert Pleyer.

Kriegs- und Nachkriegsjahre

Mit Freunden auf Skitour - jedes Jahr im Februar.Mit Freunden auf Skitour - jedes Jahr im FebruarBrixen war die dritte sektionseigene Hütte, die Albert Pleyer aktiv miterlebte. Die Neue Regensburger Hütte im Hochstubai wurde 1931 eröffnet, als er neun Jahre alt war. 1945 wurde sie beschlagnahmt. 1956, zum 25-jährigen Jubiläum, ging sie wieder an die Sektion zurück. „Bei der Feier war ich natürlich auch mit droben“, erzählt Albert Pleyer, „zusammen mit dem Architekten Karl Schmid haben wir einen Altar aus Steinen gebaut, und es gab eine Bergmesse.“ So viele Leute seien zum Jubiläum hinaufgestiegen, doppelt so viele wie es Schlafplätze gab, so dass in zwei Schichten geschlafen wurde: „Die einen bis 2 Uhr früh, die anderen ab 2 Uhr.“

Ein weiterer Meilenstein für die Hütte und in der Geschichte der Sektion war der Bau der Seilbahn, der HSSB („Hans Seibold Seine Bahn“), und des E-Werks. Wie ihm der Neubau gefällt? Er zögert. „Das ist Geschmackssache“, sagt er schließlich.

Noch mit Ludwig Hanisch ging er als Kind oft auf die Hanselberghütte. Nach dem Krieg war sie die erste Hütte, die er mit Freunden wieder besuchte. „Im Juni 1945 bin ich aus der jugoslawischen Kriegsgefangenschaft heimgekommen“, erzählt er. „Im Juli 1945 waren wir auf der Hanselberghütte. Die Hütte war aufgebrochen, vieles war kaputt und gestohlen. Wir haben dann zu dritt aufgeräumt, sauber gemacht, und in dem Jahr dann noch einige nette Feiern dort gehabt.“ 

Auch auf der Firstalm hinterließ der Krieg seine Spuren. Noch im Winter 1941/42 war Albert Pleyer unter anderem mit dem damaligen 1. Vorsitzenden Brandstetter zur Hütte hinaufgestiegen. „Wir haben die Ski oben gelassen, weil wir Angst hatten, die Wehrmacht würde uns damit erwischen und sie uns wegnehmen, weil Ski damals gebraucht wurden. Wir dachten eigentlich, wir holen sie nach dem Krieg einfach wieder ab.“ Die Hütte sei im 1946, als sie wieder hinaufgingen, in einem grausamen Zustand gewesen, aufgebrochen und verwüstet, vieles gestohlen, auch die Ski.

Der Krieg. Albert Pleyer war in der Luftwaffenjäger-Division, zuerst in Griechenland, dann im jugoslawischen Gebirge. Zweimal wurde er verwundet, als Funker an der Front, einmal davon schwer. Beim Berggehen oder Skifahren sei ihm nie etwas passiert. „Nur die Skispitzel sind mir mal gebrochen“, erklärt er lachend. Die Ausrüstung hat sich sehr verändert heute, sagt er, nicht immer zum Besseren. „Unsere Skistiefel zum Beispiel waren aus Leder, klar sind die nass geworden, aber wir haben dann einfach über Nacht Zeitungspapier reingestopft, dann waren sie am nächsten Tag wieder trocken. Mit den Hartschalenstiefeln von heute kann man ja nicht mehr richtig gehen!“

Früher und heute – Bergsport im Wandel

1960: v. l. Maria Neudecker, Willi Wolf, Albert Pleyer und Alfons Schmidbauer am Aufstieg zur Similaun.1960: v. l. Maria Neudecker, Willi Wolf, Albert Pleyer und Alfons Schmidbauer am Aufstieg zur Similaun.Auch das Skifahren insgesamt habe sich sehr verändert, im Vergleich zu seiner Kindheit und Jugend. Alles mit Liften und Pisten zu erschließen war lange Zeit das, was gemacht wurde. „Jetzt geht es aber wieder mehr los mit Tourenski- und Tiefschneefahren, was ja eigentlich das Schönste am Skifahren ist“, freut er sich. „Drei Stunden auf den Gipfel steigen, oben eine kleine Rast, und dann in den frischen Tiefschnee, darauf hat man sich dann gefreut, die Abfahrt hat man sich verdient.“

Die Übernachtungen in den Bergen und vor allem in den Hütten waren damals billig. „Abends haben wir dort gegessen, die Hüttenwirte wollten ja auch etwas verdienen. Aber wir hatten auch selber was dabei, ich zum Beispiel immer ein G’räuchert‘s“, erinnert sich Albert Pleyer. Das Bergsteigeressen hat es auch damals schon gegeben, oft Kartoffeln, mit Fleisch und Eiern aus der Pfanne, „und g’schmeckt hat’s“. 

Die Hütten waren damals sehr einfach, da gab es eine Waschgelegenheit, keine Duschen, Zimmer und Matratzenlager. In letzterem hat er mit seinen Freunden meistens übernachtet. „Sonst gab es nicht viel“, erzählt er. „Auf der Pfeishütte im Karwendel zum Beispiel war der Waschraum hundert Meter von der Hütte entfernt. Da ist das Waschen dann ein bissl schneller gegangen…“ Vorgebucht hätten sie schon meistens, auch damals waren die Hütten schon manchmal voll. „Aber wenn wir mehrere Tage von Hütte zu Hütte unterwegs waren, dann haben wir halt den Platz genommen, der noch da war.“

Und wie sah es mit der Frauenquote aus? Ein paar Frauen seien schon mit dabei gewesen, wenn sie auch in der Minderheit waren. „Die Neudecker Maria zum Beispiel, mit ihrem Mann, ein Ehepaar aus Sinzing, da war sie die sportlichere“, lacht Albert Pleyer. Seine Frau sei nicht mit auf Tour gegangen, aus gesundheitlichen Gründen. Auch seine Tochter sei keine Bergsportlerin geworden. „Aber meine Enkelin ist im Alpenverein“, erzählt er strahlend. Sie lebt in Frankfurt.

Ein Leben für den Verein

1953 auf der Franz-Senn-Hütte: v.l. Albert Pleyer, Hüttenwirt Vitus Falbesoner und Vater Richard Pleyer. 1954 auf der Franz-Senn-Hütte: v.l. Albert Pleyer, Hüttenwirt Vitus Falbesoner und Vater Richard Pleyer. „Ich habe mich im DAV engagiert, weil auch mein Vater schon Kassier war“, erzählt Albert Pleyer. Auch sein Großvater sei schon beim DAV gewesen, er sei eher berggewandert, nicht Skigefahren. Sein Vater, der schon 1956 verstorben ist, war Mitglied seit 1920: „Ich habe erst vor kurzem seinen alten Mitgliedsausweis gefunden.“ Er selbst ist 1940 beigetreten, weil er auf die Franz-Senn-Hütte gehen wollte. Auch vorher war er schon in der Jugend. Damals konnte man erst mit 18 Jahren offiziell Mitglied im DAV werden. 

„Als ich Schatzmeister war, war unser Geschäft am Neupfarrplatz die inoffizielle Geschäftsstelle“, erinnert er sich. „Ich habe zu unseren Mitgliedern immer gesagt, kommts bitte erst im Januar – die  Ausweise vom Vorjahr galten bis Ende Januar-, wenn das Weihnachtsgeschäft vorbei ist. Denn wenn die neuen Mitgliedsmarken gekommen sind, dann ging bei uns oft die Tür, alle Mitglieder kamen um sich den Ausweis erneuern zu lassen. Das war früher ein Lichtbildausweis, und da wurde jedes Jahr eine Jahresmarke draufgeklebt. Da kam manchmal ein ganz schöner Stapel an Marken zusammen.“

Auf die Frage, ob er alles gemacht hat, was er als Bergsteiger hätte machen wollen, sagt er: „Es gibt ja so viel, was man noch nicht gesehen hat. Ich hätte gerne das Matterhorn bestiegen, aber ich bin nie dazugekommen.“ Er lacht: „Ich hätte es wahrscheinlich auch nicht geschafft.“ Ob er sonst etwas anders gemacht hätte? „Einmal hätte mich ein Edelsteinfachmann nach Südamerika mitgenommen, er hätte mit mir in Argentinien ein Geschäft aufbauen wollen, das hätte mich schon gejuckt. Dann wäre mein Leben ganz anders verlaufen. Aber ich war schon verlobt damals, und meine Frau wollte nicht nach Südamerika.“

Ob er sich und seiner Familie auch einmal einen Urlaub am Meer gegönnt habe? Am Chiemsee seien sie manchmal gewesen, sagt er verschmitzt. Immerhin das so genannte Bayerische Meer. Und praktisch, mit Geigelstein, Kampenwand und Co. daneben. Ein echter Bergfex braucht halt kein Salzwasser und keine Pizza. Eine Leberknödelsuppe schmeckt auch.

Historische Fotos: Albert Pleyer
Foto mit Gisela Zundel: DAV Sektion Regensburg

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