Masterarbeit: Alpenvereinskultur: von Hüttenbau bis Hitlerjugend

Dienstag, 26. November 2019 Drucken E-Mail
Neue Regensburger Hütte im Stubaital. Foto: DAV Regensburg.

Die Regensburger Kulturwissenschafts-Studentin Julia Kohl hat sich einem Kapitel des Alpenvereins ...

und insbesondere der Sektion Regensburgs gewidmet, das bis dato noch nicht ausführlich erforscht wurde: Welche Rolle spielte der Alpenverein in der Zeit des Nationalsozialismus? Wie ging man in der Regensburger Sektion damit um? Für ihre Masterarbeit hat sie tief in den Archiven gestöbert. Und Interessantes wie Erschreckendes ans Licht geholt.

Ihre Fundstücke: Der Eintrag eines Besuchers der Hanselberghütte, der den Eintrag eines Regensburgers jüdischer Abstammung mit „Jude!“ überschmiert. Einige Aussagen in den Sektions-Jahresberichten der Vorkriegsjahre, die mehr nach NS-Propaganda als nach Berichten über das Sektionsleben klingen: „(...) Auch wir geloben heut an diesem Tag, unsere großen und stolzen Ideale unserem Vaterland zu weihen. Auch wir wollen Helfer sein unserem Führer (...)“ (Jahresbericht 1933). Und: „Voll Vertrauen blicken wir gerade in dieser Hinsicht auf unseren Führer Adolf Hitler und seine Regierung. Er wird das Streben und erstrebte des Alpenvereins nicht zuschanden werden lassen. (...).“ (Jahresbericht 1935). Das Bekenntnis zur Umbenennung in „Zweig“ – das deutsche Wort wurde von den Nationalsozialisten dem Lateinischen „Sektion“ vorgezogen (1938). Die Überlassung der Neuen Regensburger Hütte als Schutzhütte und Trainingsstützpunkt für Hitlers Soldaten. Und mehr.

Schrittweise Verknüpfung von Alpenverein und NS-Ideologie

Zunächst hat Julia Kohl sowohl die Entstehungsgeschichte und weitere Entwicklung des Alpenvereins und der Sektion dargestellt als auch die Entstehung des Nationalsozialismus mit seinem Antisemitismus skizziert. Ab der Jahrhundertwende und verstärkt nach dem Ersten Weltkrieg verknüpften sich die Geschichte des Vereins und der NSDAP immer deutlicher miteinander. Leitlinien der Politik Hitlers waren: Sozialdarwinismus, Kampf ums Territorium und Antisemitismus. Julia Kohl schreibt in ihrer Arbeit: „Das Bild des heroischen Kameraden und des kämpfenden Übermenschen prägte den Nationalsozialismus. (...) Der Alpinismus war die perfekte Leinwand für die nationalsozialistische Ideologie des starken, kämpferischen Körpers und der Helden des Volkes.“ (Vgl. Zebhauser, Helmuth: Alpinismus im Hitlerstaat. Gedanken, Erinnerungen, Dokumente. 1. Auflage. Dokumente des Alpinismus, Band 1. Bergverlag Rother, München 1998, S. 129 ff.)

Die Affäre Donauland

Nicht alle unterstützten Hitlers Judenhass, am Ende waren die Befürworter aber doch in der deutlichen Mehrheit. Die Sektion Regensburg etwa sprach sich 1924 beispielsweise noch gegen den Ausschluss der jüdisch geprägten Sektion Donauland aus. Zur Jahreshauptversammlung zum Ende desselben Jahres war es dennoch beschlossene Sache: Mit 1236 Stimmen gegen 190 wurde Donauland ausgeschlossen. Der so genannte Arierparagraph wurde eingeführt, ab 1935 galten die Nürnberger Rassegesetze für die Alpenvereinssektionen. 1938 wurde der Alpenverein komplett ins politische System integriert, als Teil der NSRL (Nationalsozialistischer Reichsbund für Leibesübungen). Die Jungmannschaft gab es nicht mehr und wurde zur Hitlerjugend.

Vereinsgründung und Radikalisierung der Werte

Julia Kohl fasst am Ende ihrer spannenden Masterarbeit zusammen: „Wenn man die zeitlichen Umstände in den Blick nimmt, unter welchen der DAV 1869 gegründet wurde, so lässt sich feststellen, dass der Verein in einer Zeit gegründet wurde, in der bereits nationale Gedanken vorherrschten. (…) Es scheint auf der Hand zu liegen, dass der DuÖAV (Anm. Deutscher und Österreichischer Alpenverein) durch den Ersten Weltkrieg eine politische Radikalisierung seiner Werte und Grundhaltungen erfahren hat. (…) Nach dem Ersten Weltkrieg war in der Sektion Regensburg, wie allgemein im Alpenverein, die Angst um den Verlust des beträchtlichen Vermögens in den abgetretenen Gebieten vorherrschend. (…) Diese Situation ist außerdem als nicht zu unterschätzende Triebfeder einer wachsenden Intoleranz innerhalb der Sektion zu betrachten. (…) Der Alpenverein und die nationalsozialistische Ideologie wiesen beide einige nahestehende Denkweisen auf (…), beispielsweise die Imagination eines heroischen Auserwähltseins, männliche Kameradschaft bis in den Tod hinein, der Kampf (im Fels) (…).“ (Vgl. Langer, Peter: „Ein langer und manchmal auch steinerner Weg“. Der Deutsche Alpenverein im gesellschaftlichen Wandel: Kontinuitäten und Brüche nach 1945. In: Aufwärts! Berge, Begeisterung und der Deutsche Alpenverein 1945 bis 2007. Begleitbuch zur Ausstellung im Alpinen Museum des Deutschen Alpenvereins. München. 2008, S. 72)

Sie resümiert: „Mittlerweile ist diese Denkweise der Heroisierung des Männlichen im einsamen Ringen um Leben und Tod mit dem Berg überwunden, jedoch war sie zunächst in der Nachkriegszeit noch bruchlos an die junge Alpenvereinsgeneration weitertradiert worden.“ (Vgl. Langer, S. 73)

Die Sektion Regensburg des DAV bedankt sich bei Julia Kohl für die umfassende Aufarbeitung des Themas in ihrer Masterarbeit „Alpenvereinskultur: von Hüttenbau bis Hitlerjugend. Die Sektion Regensburg des Deutschen Alpenvereins von den 1870er bis in die 1940er Jahre“. Die Auszüge aus der Masterarbeit (2019) wurden mit freundlicher Genehmigung von Julia Kohl veröffentlicht. Mit Genehmigung von Julia Kohl können Sie hier die komplette Masterarbeit "Alpenvereinskultur: von Hüttenbau bis Hitlerjugend" einsehen. 

 


Weiter zu den Jahren 1940 bis 1970: Die Nachkriegsjahre - Aufbruchsstimmung

Foto: DAV Regensburg

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